Was nicht in der Zeitung stand

Wir vom MBO freuen uns über Zeitungsartikel über unsere Konzerte. Sie bedeuten Aufmerksamkeit für unseren Verein und sind eine gute Werbung für uns. Schließlich hoffen wir ja immer auf neue Mitspieler ;-). Dennoch haben wir festgestellt, dass kein Zeitungsartikel das wiedergeben kann, was wir als Orchester zusammen auf der Bühne erleben. Anhand nur eines einzigen Stückes möchte ich dieses gemeinsame Erleben von Musik einmal aus meinem persönlichen Blickwinkel heraus beschreiben. Und das beginnt schon lange vor dem Konzert.

Foto: MBO
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Monate vorher erhalten wir die neuen Noten. Das ist immer ein spannender Moment, denn die Auswahl der Stücke bestimmt, welche musikalischen Themen und Ohrwürmer uns in der nächsten Zeit im Kopf herumspuken werden. Diesmal ist es das Stück "The Glenmason Manuscript" von Marc Jeanbourquin. Erste Leseprobe. Wir spielen verschiedene Stellen des Stücks ganz langsam zum Kennenlernen. Es gibt sehr viele Taktwechsel. Da heißt es konzentriert sein, um nicht rauszufliegen. Dann ein 12/8-Takt. Die darunter stehende Erklärung "3+3+2+2+2" trägt nicht gerade zur Erleuchtung bei. 


Es wird nicht besser: es folgen 9/8-Takt (3+2+2+2), 10/8-Takt (3+3+2+2), 11/8-Takt (3+3+3+2). Hilfe! Wie zählt man das?  Dominique, unserem Dirigenten, am besten gar nicht. "Einfach schauen, wie ich schlage, ich zeige euch alles an. Und mit der Zeit den Rhythmus spüren. Bis es von alleine groovt".  Es klingt alles sehr durcheinander und schräg. Verunsicherung. "Viel zu schwer" höre ich, und: "das ist doch nichts für unser Publikum". Doch Dominique legt sich ins Zeug für Glenmason. Er appelliert an uns, uns auf das Stück einzulassen und verspricht uns, dass wir alle noch viel Spaß mit dem Stück haben werden. Außerdem könnten wir ja nur wachsen durch eine Herausforderung. Also gut. Zur Erholung geht es mit einem langsamen Adagio mit einem ganz normalem 4/4-Takt weiter. Wir sind etwas versöhnt. Doch dann kommt das Presto. Das bedeutet sehr viele Noten in sehr kurzer Zeit. Wir ahnen, dass das die schwerste Stelle im Stück werden könnte. Aber wir haben ja noch Zeit bis zum Konzert...  

Zu Hause schaue ich mir das Stück in Ruhe an. Von Mal zu Mal klappt es etwas besser. "Booaah, das klingt total schön" meint meine Tochter. Stimmt. Das Stück fängt an, mir zu gefallen. Ich finde eine Aufnahme davon und höre sie mir an. Und bin begeistert. So kann es also einmal klingen. Es ist mein neues Lieblingswerk geworden, es hat mich gepackt. Über meinen mp3-Player höre ich es rauf und runter. Beim Unkraut-Zupfen erwische ich mich dabei, wie ich das Unkraut im 12/8-Takt zupfe (3+3+2+2+2). Meine Garten-Nachbarin schaut irritiert, als ich anfange, meine Stimme mitzusingen. 

 

Foto: MBO
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Im Laufe der weiteren Proben gelingt es Dominique, uns mit Glenmason vertraut zu machen. Immer besser finden wir unsere Einsätze, treffen die Töne und schaffen die Taktwechsel. Er feilt mit uns an den Feinheiten der Intonation und an der Dynamik. Die nächste Herausforderung liegt nun darin, als Orchester zusammenzuwachsen und gut aufeinander zu hören. Da geht es um feinste Klang-Nuancen. Außerdem muss jeder von uns wissen, welche Aufgabe das eigene Instrument gerade hat: Wo muss ich mich zurückhalten, weil ich begleite und unterstütze, wo muss ich mit meiner Stimme deutlich herauskommen, weil sie gerade führend ist? Und das kann je nach Besetzung und in jeder Probe unterschiedlich sein. Durch das Zusammenspiel im Orchester und durch die Worte, Gestik und Mimik unseres Dirigenten fangen die unterschiedlichen Teile von Glenmason an, Bilder im Kopf und Gefühle im Bauch hervorzurufen. Immer öfter gibt es Phasen, in denen wir als Orchester eine Einheit sind - "Gänsehaut-Momente". 


Foto: MBO
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Dann kommt der Tag des Konzerts. Die Anspannung ist bei mir groß. Ich möchte, dass es ein schönes Konzert für unsere Besucher und uns wird. Das Problem: unsere Konzerte sind immer life. Kein falscher Ton lässt sich zurücknehmen, kein falscher Einsatz wiederholen. Und das kann trotz allem Üben passieren. Jeder von uns hat seine "Angst-Stellen", die besonders schwierig zu spielen sind oder in denen die eigene Stimme besonders exponiert ist, ohne "Schutzblech" durch die anderen Mitspieler. Das ist ein Risiko. Doch Dominique ermutigt uns immer, die Chance darin zu sehen, frei heraus zu spielen und die Musik zu genießen. 


Und wenn wir falsch spielen, dann wenigstens überzeugend falsch. Und wenn wir uns mal verlieren, nur nach vorne zu schauen, und weiter zu machen. Letzte Ansprache des Dirigenten vor dem Konzert: wir sollen ganz im Stück sein, uns von nichts ablenken lassen. Während der Reden zwischen den Stücken gedanklich das kommende Stück vorwegnehmen. Mit Freude ans Konzert gehen. Das ist jetzt unser Auftritt. Los geht´s. Einzug von zwei Seiten, Platz nehmen. Konzentration und Einstimmen. 


Zu Beginn spielen wir eines unserer leichteren Stücke. Das hilft mir, mich an die Konzert-Atmosphäre zu gewöhnen und mich langsam von den Noten zu lösen. Ich kann meine Aufmerksamkeit wieder auf das Dirigat und das Orchester um mich herum richten. Unsere Besucher nehme ich in dem Moment kaum noch wahr. Ich gewinne Sicherheit und es fängt an, mir richtig Spaß zu machen. Ich freue mich über viele Stellen meiner Mitmusiker, die hervorragend klingen. Alles, was wir geübt haben, kommt heute zusammen. Es klingt gewaltig. Wir geben alles. Ich fühle mich getragen von der Musik. kommt Glenmason. Ich höre die Röhrenglocken.

Nach dem Solo von Paul kommt meine persönliche "Angst-Stelle". Aber es fühlt sich jetzt an wie "ich kann endlich loslegen". Kurzer Blick von Dominique, er gibt mir den Einsatz. Die Töne kommen. Erleichterung. Weiter geht´s. Ich genieße das Konzert. Gänsehaut-Momente beim Adagio und beim Presto. Wunderbar. Wann ist das nächste Konzert? 

 

Anmerkung: "The Glenmason Manuscript" war eines der beiden Hauptwerke bei unserem 6. Jahreskonzert des MBO. Es wurde im Zeitungsbericht nicht erwähnt.

Foto: MBO
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